Würden Kanadas Frauen von heute die Boston Bruins von 1972 bodigen?
Colin Muller sagt, das Frauenhockey habe sich enorm entwickelt. International und auch in der Schweiz. «Ich habe mich kürzlich mit Paul DiPietro darüber unterhalten, ob das aktuelle kanadische Frauen-Nationalteam ein Spiel gegen die Boston Bruins, den Stanley Cup-Sieger von 1972 gewinnen würde. Ich bin der Meinung, dass die Frauen gewinnen könnten. Wegen ihrer Schnelligkeit und Technik.»
Paul DiPietro, 1993 in Montréal im letzten kanadischen Stanley Cup-Siegerteam und mit grosser Karriere in Ambri und Zug sei anderer Meinung. Die Boston Bruins («Big bad Bears») mit Bobby Orr und Party-Kultstürmer Derek Sanderson, dem ersten NHL-Profi, der eine Million verdiente, waren 1972 eines der rausten Teams einer rauen NHL. Ob sie tatsächlich von einem Frauenteam aus dem Jahre 2026 hätten besiegt werden können? Vielleicht. Colin Muller kennt Hockey und wenn er diese These vertritt, dann ist schon etwas dran.
Der kanadisch-schweizerische Doppelbürger aus Toronto war als Stürmer Meister mit Zug (1998) und hat mehr als 500 Partien in der höchsten Liga bestritten. Er stand bei Gottéron, Rapperswil-Jona, Zug, den ZSC Lions, Kloten, Olten und der Nationalmannschaft (Silber-WM 2013, Olympia), in Russland und Mannheim als Assistent oder Chef an der Bande. Nicht viele haben im Hockey so viel gesehen und erlebt wie Colin Muller. Seine «Boston-Theorie» ist nicht einfach zu widerlegen.
Mailand 2026 wird vielleicht sein letztes Hurra als «Bandengeneral» sein. Ob er seinen Vertrag am Ende der Saison verlängern wird, lässt er offen. Vielleicht sei es nach sieben Jahren Zeit für eine neue Stimme und ein neues Gesicht. Gespräche habe es noch keine gegeben.
Die Frauenteams aus Kanada (das vielleicht die Boston Bruins von 1972 besiegen könnte) und den USA sind den Europäerinnen nach wie vor weit voraus. Seit 1998 sind die Frauen olympisch und die Nordamerikanerinnen haben bis heute nur zwei Spiele gegen europäische Nationalteams verloren: 2006 unterlagen die Kanadierinnen in den Gruppenspielen gegen Schweden (1:2) und die Amerikanerinnen gegen den gleichen Gegner im Halbfinal (2:3) – eine der grössten Sensationen der olympischen Hockeygeschichte.
Die Schweizerinnen haben sich vor 20 Jahren 2006 zum ersten Mal für das Olympische Turnier qualifiziert.
- 2006 in Turin: 7. Platz
- 2010 in Vancouver: 5. Platz
- 2014 in Sotschi: Bronze
- 2018 in Pyeongchang: 5. Platz
- 2022 in Peking: 4. Platz (Bronzespiel verloren)
Insgesamt gab es in bisher 26 olympischen Partien 7 Siege und 19 Niederlagen. Sind die Schweizerinnen im internationalen Vergleich 2026 in Mailand konkurrenzfähiger als 2006 in Turin? Ja, ohne Zweifel. Aber der Rückstand auf die Weltspitze (Kanada, USA) ist nach wie vor riesig. Immerhin ist es jetzt an einem guten Abend, wenn alles stimmt, möglich jedes europäische Team zu besiegen. Oder? «Ja, das ist möglich, aber nicht einfach», sagt Colin Muller. Vor allem im physischen Bereich sei der Rückstand nach wie vor gross.
International ist das Checken erlaubt, in der Schweiz in der höchsten Liga zum ersten Mal in dieser Saison. «Das hilft uns, ändert aber nicht viel. Wir haben uns in internationalen Spielen bereits daran gewöhnt», sagt der Nationaltrainer.
Der Weg zum Olympischen Ruhm ist kurz und doch so weit. Für eine Medaille genügen zwei Siege in den richtigen Spielen. 2014 verloren die Schweizerinnen alle Vorrundenpartien, besiegten im Viertelfinal Russland (2:0), verloren den Halbfinal gegen Kanada (1:3) und besiegten im Bronzespiel Schweden (4:3). Zwei Siege, eine Medaille.
Vor vier Jahren bei den ersten Olympischen Spielen mit Colin Muller reichte es auch zu zwei Siegen: Gegen Finnland (3:2) in den Gruppenspielen und im Viertelfinal gegen Russland (4:2). Der Halbfinal gegen Kanada (3:10) und das Bronzespiel gegen Finnland (0:4) gingen verloren. Zwei Siege, keine Medaille.
Das Problem ist in Mailand das gleiche wie vor vier Jahren in Peking. «Wenn unsere erste Linie neutralisiert wird, haben wir Schwierigkeiten», sagt Colin Muller. «genau das haben die Finninnen vor vier Jahren im Bronze-Spiel getan. Nach zwei Dritteln lagen wir nur 0:1 zurück. Aber wir konnten einfach keine Tore erzielen …»
Die erste Linie gruppiert sich um Alina Müller (27) und Lara Stalder (31), die beiden besten Schweizerinnen. Alina Müller hatte 2014 das Siegestor im Bronze-Spiel erzielt und spielt seit acht Jahren in Nordamerika, inzwischen seit drei Jahren in Boston in der Profiliga (PWHL). Sie hat für das Team eine ähnliche Bedeutung wie Roman Josi bei den Männern. Lara Stalder ist seit ihrer Rückkehr aus Schweden vor drei Jahren Captain in Zug und die beste Spielerin unserer Frauenliga mit einem Schnitt von rund zwei Punkten pro Spiel. Müller und Stalder sind die einzigen Bronze-Frauen von 2014 im Team.
Colin Muller wird beinahe melancholisch, wenn er über die Entwicklung des Frauenhockeys in der Schweiz spricht. Kritisch mag er nicht sein und antwortet auf einige Fragen: «Nein, ich sage nichts.» Er erlebt die Begeisterung und auch Professionalität seiner Spielerinnen und ist deshalb zuversichtlich. Er ahnt aber auch, dass noch viel mehr zu machen wäre und das stimmt ihn melancholisch. Auf den Punkt gebracht: die Förderung durch den Verband und die Klubs hält mit der Leidenschaft der Frauen für ihren Sport nach wie vor nicht ganz stand und zuletzt erschütterte Langenthals Rückzug aus der höchsten Liga die nationale Szene. Die Frauen als «Stieftöchter unseres Eishockeys». Colin Muller sagt: «Ja, so kann man es sagen …»
Wenn er nach dieser Saison tatsächlich aufhören sollte, dann wäre ein passendes Abschiedsspiel eine Partie des Zuger Meisterteams von 1998 gegen die Frauen-Nationalmannschaft. Schon wegen seiner «Boston-These». Vielleicht würde sie bestätigt. Der EV Zug von 1998 hat ja nicht die Kragenweite der Boston Bruins von 1972.
